Der Bilinguale Unterricht aus der Sicht eines Realschullehreranwärters


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Vielen Referendaren bleibt beim Lesen dieser Überschrift wahrscheinlich die Luft weg. Bilingual unterrichten? Und das auch noch in einer Phase in der man belastet wie kaum vorher im Leben ist? Um es vorwegzunehmen, die Vorteile wiegen die erhöhte Arbeitsbelastung, die ich nicht verneinen will, bei weitem auf.

Was ist bilingualer Unterricht?

Bilingual bedeutet zweisprachig, d.h. das Unterrichten eines Sachfaches in einer Fremdsprache. Obwohl theoretisch auch jede andere Kombination denkbar wäre, bedeutet der Bilinguale Unterricht an einer Realschule in Baden-Württemberg fast ausschließlich das Unterrichten des Faches Erdkunde in der Sprache Englisch. Dies findet seinen expliziten Niederschlag auch im Erziehungs- und Bildungsauftrag des Faches Erdkunde im Bildungsplan für die Realschule . In einer bilingualen Klasse sollen die im Fremdsprachenunterricht erworbenen Sprachkenntnisse in den sogenannten Sachfächern praktisch angewendet und auf diese Weise vertieft werden.


Welche Ziele verfolgt der bilinguale Unterricht?

Aufgrund des Zusammenwachsens von Europa werden Fremdsprachenkenntnisse immer wichtiger. Die Verflechtungen in Wirtschaft, Kultur und Politik machen die Beherrschung einer zweiten Sprache neben der Muttersprache unerlässlich. Gleichzeitig bedeutet das Erlernen einer Fremdsprache auch immer interkulturelles Lernen und kann damit einen wichtigen Beitrag zum friedlichen Nebeneinander der Völker leisten.

Der traditionelle Fremdsprachenunterricht versagt hier leider noch häufig. Er legt zuviel Wert auf die korrekte Satzstellung, auf die korrekte Verwendung der Zeiten etc. Die Kommunikationsfähigkeit der Schüler wird zuwenig gefördert. Dem soll der Bilinguale Unterricht entgegenwirken. Das Training eben dieser ist sein Hauptziel. Die Fremdsprache wird authentisches Kommunikationsmittel zum Erreichen der Lernziele. Die oftmals "künstliche Klassenzimmeratmosphäre" wird im Bilingualen Unterricht dadurch abgelöst, dass die Fremdsprache zu einem wirklichen Kommunikationsmittel wird.

Deswegen darf auch auf die Korrektheit von Schüleräußerungen kein zu großer Wert gelegt werden. Es ist nicht wichtig "wie" sich die Schüler in der Fremdsprache ausdrücken, sondern nur dass sie es überhaupt tun (fluency before accurancy).


Werden damit die Anforderungen in den Sachfächern nicht erhöht?

Grundsätzlich gilt, dass auch im Bilingualen Unterricht entsprechend der Vorgaben des Bildungsplans unterrichtet werden soll. Aufgrund meiner bis jetzt gemachten Erfahrungen kann ich sagen, dass dies häufig nicht möglich ist. Schwierige Sachverhalte auf Englisch zu verstehen, übersteigen den Kenntnisstand der Schüler in der Fremdsprache bei weitem.

Man hat also zwei Möglichkeiten. Entweder man erklärt diesen Sachverhalt auf Deutsch, oder man reduziert das fachliche Niveau auf eine Ebene, die es den Schülern erlaubt den Unterrichtsinhalt in der Fremdsprache zu verstehen. Grundsätzlich kann man feststellen, dass das Sachfach zwar leidet, die Fremdsprache aber in einem viel größeren Maß davon profitiert. Und wenn wir ehrlich sind, was brauchen die Schüler für ihr späteres Leben wohl mehr?

Die genaue Kenntnis der verschiedenen Wüstenformen oder das sichere Beherrschen wenigstens einer Fremdsprache? Da das Fachvokabular den allermeisten Schülern auch in der deutschen Sprache nicht geläufig ist, stellt sein Erlernen in der Fremdsprache kaum eine erhöhte Arbeitsbelastung dar. Es ist auch nicht so, wie bereits erwähnt, dass im Bilingualen Unterricht das Deutsche völlig ausgeklammert bleiben muss. So ist es durchaus zu akzeptieren einem Schüler auf Nachfrage (Was heißt....... auf Englisch?) geeignete Redemittel an die Hand zu geben. Auch können schwierige Sachverhalte durchaus auf Deutsch erklärt werden.

Es gilt also der Grundsatz: "So viel in der Fremdsprache wie möglich, so wenig in der Muttersprache wie nötig."

Auch eine schriftliche Leistungskontrolle erfolgt in der Fremdsprache. Die Schüler wurden schließlich in der Fremdsprache unterrichtet und haben auch die Hefteinträge und Arbeitsblätter in der Fremdsprache, sodass es keinen Sinn machen würde, ihr Wissen auf Deutsch abzufragen.

Bei der Beurteilung zählt allein die fachliche Leistung. Fehler in der Fremdsprache werden zwar angestrichen und verbessert, aber nicht gewertet. Dem Bilingualen Unterricht wird oft zum Vorwurf gemacht, dass er Schüler die in der Fremdsprache ohnehin schon Schwierigkeiten haben, bei der Leistungskontrolle vor eine unlösbare Aufgabe stellt. Dem kann man einfach dadurch entgegenwirken, dass man wenig offene Aufgaben in der Klassenarbeit aufnimmt und vielmehr mit Lückentexten oder mit Multiple Choice arbeitet.

Meine Erfahrung hat gezeigt, dass auch schwächere Schüler immens vom Bilingualen Unterricht profitieren und durchaus auch die Noten erreichen, die sie in einer "deutschen" Erdkundearbeit erreichen würden.


Welche Vorbehalte haben Eltern und Schüler gegenüber dem Bilingualen Unterricht?

Es gibt zwar Versuche mit dem Bilingualen Unterricht schon in Klasse 6 und 7 zu beginnen. Meiner Meinung nach ist die aber nur Ausnahmefällen möglich (Voraussetzung: homogene und leistungsstarke Klasse). Da ich den Bilingualen Unterricht bisher nur in der 8. und 9. Klasse praktiziere und praktiziert habe, kann ich nur darüber berichten.

Grundsätzlich lässt sich unter den Schülern bei der Ankündigung des Bilingualen Unterrichts eine Drittelung feststellen. 1/3 sind völlig begeistert, 1/3 stehen der Sache neutral gegenüber und 1/3 lehnen ihn, meist aus Angst vor schlechten Noten, völlig ab. Letztgenannte sind erst nach der ersten schriftlichen Leistungskontrolle beruhigt. Bei allen anderen lässt sich bereits nach einigen Unterrichtsstunden feststellen, dass für sie der Bilinguale Unterricht eine willkommene Abwechslung im Schulalltag darstellt. Die Motivation der Schüler steigt von Stunde zu Stunde und übertrifft die Mitarbeit im "normalen" Erdkundeunterricht bei weitem. Ein Highlight das mir während meine Referendarszeit an der Realschule Linkenheim passiert ist, und das die starke Motivation der Schüler deutlich machen soll, möchte ich nicht unerwähnt lassen. Ein Schüler fragte mich, ob er nicht mal mit mir zusammen eine Stunde auf Englisch unterrichten könne.

Die Vorstellung des Bilingualen Unterrichts an einer Klassenpflegschaftssitzung verlief erwartungsgemäß. Nachdem ich den Eltern Intention und Verfahrensweise des Bilingualen Unterrichts erklärt hatte, waren fast alle von der Idee begeistert. Ein kleiner Hinweis darauf, dass die Teilnahme am Bilingualen Erdkundeunterricht auf einem gesonderten Blatt im Zeugnis vermerkt wird, das dann den Bewerbungsunterlagen der Schüler beigelegt werden kann, hat diese Begeisterung sicher noch verstärkt... .


Zur Methodik im bilingualen Unterricht

Leider verläuft der Bilinguale Unterricht oftmals wenig handlungsorientiert, dafür aber stark frontal. Ein Grund hierfür ist sicherlich die Tatsache, dass der Lehrer im Klassenzimmer oftmals der einzige ist, der die Fremdsprache sicher beherrscht.

Die Sozialform der Gruppenarbeit eignet sich weniger, da die Lernenden in dieser Situation oftmals in die deutsche Sprache zurückfallen. Dahingegen sind Rollenspiele, das Entwerfen von Skizzen und Plänen, das Anfertigen von crossword puzzles oder Plakaten in Partner- oder Einzelarbeit sicherlich eine Möglichkeit die Lehrerzentrierung aufzuweichen.


Welche Schwierigkeiten ergeben sich bei der Unterrichtsvorbereitung?

Das Auffinden von geeigneten Texten, Videos und sonstigem Lehrmaterial bereitet bei der Unterrichtsvorbereitung die größten Schwierigkeiten. Zwar stellen einige deutsche Verlage bereits Lehrmittel zur Verfügung (z.B. Cornelsen-Verlag mit "Around the World, Volume One and Two), diese Materialien sind aber oftmals für das Gymnasium konzipiert und müssen deswegen von Lehrer stark adaptiert werden. Einfacher, aber sicherlich auch kostenaufwendiger ist es, sich die Materialien direkt in Großbritannien oder den USA zu besorgen. Mit sogenannten "Children’s Reverence Books" ("Was ist Was" auf Englisch) habe ich die besten Erfahrungen gemacht. Sie sind vom sprachlichem Niveau dem unserer Schüler ziemlich nahe. Will man Lehrvideos im Unterricht einsetzen, so wendet man sich am besten an die Landesbildstelle Karlsruhe. Diese verleiht auch einige englischsprachige Lehrfilme.

Bei meiner Recherche nach einem Schülerbuch, welches nach Möglichkeit für mehrere Klassenstufen verwendbar ist, bin ich noch nicht weitergekommen. In der einschlägigen Literatur erscheint immer wieder der Hinweis auf Key Geography von David Waugh. Leider war es mir bis jetzt unmöglich dieses Buch zu bekommen.

Man sieht also die Unterrichtsvorbereitung ist ungleich zeitaufwendiger als für eine "normale" Erdkundestunde. Ich denke aber Motivation und Lernerfolg der Schüler wiegen diese Nachteile aber bei weitem wieder auf. Die Arbeitsbelastung lässt sich wie bereits oben erwähnt reduzieren, wenn man sich in der Phase vor dem alleinverantwortlichen Unterricht die erforderlichen Materialien in einem englischsprachigen Land direkt besorgt. Die Einführung des Bilingualen Unterrichts verlangt also eine längere Vorlaufzeit. Da die Materialbeschaffung ungleich schwieriger ist als bei einer "normalen" Unterrichtseinheit, kann man sich unmöglich heute dafür entscheiden ab morgen bilingual zu unterrichten.


Das Wichtigste noch mal in Kürze

  • Der Bilinguale Unterricht ist oftmals leider stark lehrerzentriert
  • Der Vorbereitungsaufwand erfordert viel mehr Zeit als sonst
  • Die Eltern sind gleich, der Großteil der Schüler bald, von den Vorteilen des Bilingualen Unterrichts überzeugt
  • Die Schüler empfinden den Bilingualen Unterricht bald als Abwechslung und Bereicherung des Schulalltags
  • Meiner Meinung nach sollten die Schüler mindestens seit zwei Jahren Fremdsprachenunterricht gehabt haben, bevor man dazu übergeht sie im Sachfach in der Fremdsprache zu unterrichten
  • Zwar wird dies in der Literatur oftmals als Nachteil gesehen, ich sage es ist ein Vorteil, wenn man die Klasse nur im Sachfach und nicht noch in der Fremdsprache unterrichtet. Im Fremdsprachenunterricht muss ich leider viel stärker auf die Korrektheit der Aussagen der Schüler achten. Im Bilingualen Unterricht kommt es mehr darauf an, dass die Schüler überhaupt sprechen. Dies ist viel einfacher wenn sie mich nicht auch noch als Fachlehrer der Fremdsprache erleben.
  • Dies ist wahrscheinlich der wichtigste Punkt:
    Der Lehrer muss den natürlichen Gebrauch der Sprache als Mittel der Kommunikation seinen Schülern vorleben. Er muss sich also in der Fremdsprache so sicher fühlen, dass er im Unterricht nicht lange überlegen muss was er sagen will. Dies bedeutet nicht, dass er absolut fehlerfrei sprechen muss, vielmehr sollte er die Fremdsprache nur einigermaßen flüssig sprechen können

Linkenheim, im November 1999

Weiterführende Literatur:

Daum, Petra:
Bilinguale Unterrichtsreihe; A Geographer’s Tour through California in: Englisch 3/99

Hoffmann, Gerhard:
Leistungsmessung im Bilingualen Unterricht in:
PZ-Nachrichten 2/93, Bad Kreuznach 1993, S.8

Schmid-Schöbein, Gisela, et al.:
Mehr oder anders? Konzepte, Modelle und Probleme des Bilingualen Unterrichts in: Der fremdsprachliche Unterricht – Englisch; Jg. 28, Heft 13 (1/1994), S. 11

Steiner, Georg:
Anlage und Ziele des Modellversuchs in: Bilingualer Unterricht an Hauptschulen und Realschulen. Überregionale Fachtagung am 28. September 1994. Tagungsbericht. Aus der Reihe: Pädagogik zeitgemäß. Heft 21, Bad Kreuznach 1995, S. 19

 

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