Auf dem Weg zum Bildungsplan 2004 |
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Schuljahr 2003/2004
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Weiterentwicklung des naturwissenschaftlichen Unterrichts zum Fächerverbund "Naturwissenschaftliches Arbeiten (NWA)"
1. Weiterentwicklung des naturwissenschaftlichen Unterrichts und Ziele einer naturwissenschaftlichen Grundbildung Die heutige Welt ist auch die Welt der Solarzelle, der DNA, der Biotechnologie, des Quants, der Halbleitertechnologie, des Braunbären, der Genbank und der Kernspintomographie. Das alles und mehr soll durch eine naturwissenschaftliche Grundbildung erfühlbar, beschreib- und strukturierbar werden. Dabei verschiebt die heutige Wissensfülle den Unterrichtsschwerpunkt. Inhalte relativieren sich und Verfahren des naturwissenschaftlichen Wissenserwerbs wie das Mikroskopieren rücken ins Zentrum: Der Weg ist das Ziel". Scientific Literacy" wird zur Kernidee innovativer Didaktik. Weitere gesellschaftliche und pädagogische Entwicklungen und die mangelnde Effektivität bisherigen naturwissenschaftlichen Schulemachens brechen den tradierten durch universitäre Fachsystematik geprägten Bildungskanon endgültig auf. Die wichtigsten Faktoren sind:
Die Suche nach Exemplarität in der Stofffülle, der neue Stellenwert der Primärerfahrungen, die Individualisierung des Lernens, die Notwendigkeit des Ich- werde-gebraucht-Gefühls", die Interdisziplinarität der Forschung und die Schulung des Denkens zur Mehrperspektivität sind starke Impulse für die Weiterentwicklung des naturwissenschaftlichen Unterrichts. Die in TIMSS und PISA offengelegten Defizite in der naturwissenschaftlichen Schreib- und Lesefähigkeit" wirken dabei verstärkend. Die Realschule in Baden-Württemberg führt zusammen mit dem neuen Bildungsplan den Fächerverbund Naturwissenschaftliches Arbeiten (NWA)" ein. Dieser Fächerverbund, der in den Klassen 5 bis 7 themenorientiert, in den Klassen 8 und 9 fachspezifisch und in Klasse 10 projektorientiert organisiert sein wird, ermöglicht einen effektiven Rahmen für eine aktuelle naturwissenschaftliche Grundbildung.
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Der Weg zu einer naturwissenschaftlichen Grundbildung an den Realschulen in Baden-Württemberg führt über das Lernen in lebensnahen Situationen mit sinnstiftendem Kontext. Dieser Weg gibt durch bewusste inhaltliche Schwerpunktsetzungen den Schülerinnen und Schülern genügend Zeit, sich naturwissenschaftlich handelnd in Problemstellungen zu vertiefen. Der naturwissenschaftliche Bildungsstandard am Ende der Realschulzeit enthält sowohl Ergebnisse wie Fähigkeiten:
Die Frage was kann Biologie oder Chemie oder Physik an der Realschule auf dem Weg zu einer naturwissenschaftlichen Grundbildung besser vermitteln als die jeweils beiden anderen naturwissenschaftlichen Fächer?" ergibt eine neue Aufgabenstellung für die Didaktiken der drei Naturwissenschaften. Die Etablierung des Fächerverbundes Naturwissenschaftliches Arbeiten" ist eine gute Antwort auf diese Frage. Nur mit dieser Antwort lässt sich die bisherige erdrückende Stofffülle konsensfähig überwinden. Der Konzeption des Naturwissenschaftlichen Arbeitens" liegen Überlegungen zu Grunde, die seit dem Forum Realschule Naturwissenschaften" (Donaueschingen, 1995) diskutiert wurden.
2. Bausteine einer naturwissenschaftlichen Grundbildung Die naturwissenschaftliche Grundbildung wird im Fächerverbund Naturwissenschaftliches Arbeiten (NWA)" realisiert, sie setzt sich aus 15 Bausteine zusammen.
3. Naturwissenschaftliches Arbeiten (NWA) in der Orientierungsstufe Warum sieht man in einer Benzinpfütze
einen Regenbogen?" Solche und viele ähnliche Fragen haben Kinder, die in ihrem Entwicklungsprozess noch sehr aufmerksam die Phänomene der Natur und der Umgebung ihres Alltags beobachten. Mit ihrer natürlichen Neugierde und ihrer erfrischend unverblümten" Denk- und Sprechweise bieten sie einen wichtigen Anknüpfungspunkt für den naturwissenschaftlichen Unterricht in der Realschule. Dies soll durch folgendes Unterrichtsbeispiel aus Naturwissenschaftliches Arbeiten veranschaulicht werden: Der Einstieg in die phänomenale Betrachtung des Lichts erfolgte über die Geschichte der Bürger aus Schilda, die beim Errichten ihres Rathauses den Einbau von Fenstern vergaßen. Der vergebliche Versuch, das Sonnenlicht mit Kartoffelsäcken einzufangen und damit Licht in das dunkle Rathaus zu bringen, wurde von den Schülerinnen und Schülern als selbstverständlich vorhersehbar kommentiert. Eine Schülerantwort auf die gezielte Nachfrage, warum ein derartiger Lichteinfang nicht möglich sei und wohin das Licht gehe, war Das Licht wird von dem Kartoffelsack gefressen." Die Meinungen darüber, ob dies immer und bei allen Materialien so sei, gingen nach anfänglicher Unsicherheit in der gemeinsamen Diskussion zunächst dahin, diese Frage positiv zu beantworten, bis eine Schülerin sich vehement zu Wort meldete und die Frage mit beim Spiegel nicht" verneinte. Sie hatte, wie sie zur Begründung erzählte, zu Hause im dunklen Badezimmer mit einer Taschenlampe unter dem Gesicht Schattenfratzen vor dem Spiegel geübt und dabei quasi nebenbei" beobachtet, dass beim Spiegel einfallendes Licht an der Decke wieder zu sehen war. Damit war die Ausgangsfrage wieder offen und forcierte eine experimentelle Untersuchung: Die Versuchsplanung ergab, dass man etwas sehr Glattes, etwas weniger Glattes und etwas sehr Unebenes mit Licht bestrahlen und dann beobachten müsste. Ausgewählt und nebeneinander an der Tafel des Unterrichtsraums befestigt wurden schließlich ein Eierkarton, ein Stück Alu-Folie und ein Spiegel. Anschließend wurden Hypothesen formuliert und diese im abgedunkelten Raum überprüft. Die Untersuchung ergab neben der zufälligen Entdeckung der Doppelschattenbildung, die später noch thematisiert wurde, dass der hell strahlende Eierkarton das ganze Licht aufsaugt", wohingegen der dunkle Spiegel das ganze Licht an die Decke wirft und die Alu-Folie von beidem etwas macht. Mit der Erklärung der unterschiedlichen Beschaffenheit der verwendeten Gegenstände wäre nun eine schöne Untersuchung abgeschlossen gewesen, wäre da nicht die unruhig machende Frage aufgetaucht: aber dann hätte man ja mit innen verspiegelten Thermoskannen Licht in das Rathaus tragen können?!" Selbstverständlich wurde auch dieser Frage nachgegangen: Eine Thermoskanne mit geöffnetem Schnappverschluss wurde mit einer Taschenlampe so lichtbetankt", dass erst nach Schließen des Verschlusses die Taschenlampe ausgeschaltet wurde. Nun stand mit der Thermoskanne die Frage im Raum, ob man damit eine Tasse Licht" einschenken könne. Auch nach Auskleiden des Kannendeckels mit Alu-Folie war nichts zu sehen. Daraufhin entbrannte eine leidenschaftliche Diskussion, die einige Modellvorstellungen zum Licht hervorbrachte und weitere Schülerexperimente zum Thema (Gesetzmäßigkeiten der Reflexion, Lichtzerlegung, ...) erforderlich machte. Das vorstehende Unterrichtsbeispiel
verdeutlicht, dass sich Kinder dieser Altersstufe mit oberflächlichen oder als
unzureichend empfundenen Antworten auf ihre unmittelbaren Fragen an die Natur
nicht zufrieden geben. Dieser in der Erwachsenenwelt oftmals als naiv-anrührend
empfundene Wissensdrang nach den Gesetzen des naturwissenschaftlichen Alltagsgeschehens
offenbart die Ernsthaftigkeit, mit der Kinder bei nicht zufriedenstellenden
Antworten nachhaken und dadurch oftmals bequeme" Scheinantworten
als solche entlarven oder eigentliches Nichtwissen aufdecken. Bleiben diese
Fragen jedoch in der Regel unzureichend beantwortet, werden ähnliche Fragen
immer weniger gestellt werden. Für den naturwissenschaftlichen Unterricht der
Realschule ergibt sich aus dieser Situation heraus die gleichzeitig wichtige
und chancenreiche Aufgabe, solche Fragen aufzugreifen und in kindgemäßer Weise
zu klären.
bieten sich naturwissenschaftliche Themen insbesondere dann an, wenn sie über das Auslösen des Staunens und des Wissen-Wollens hinaus die Möglichkeit zur naturwissenschaftlichen Bearbeitung in der Schülergruppe bieten. Beim naturwissenschaftlichen Arbeiten wird erreicht:
Diese wichtigen naturwissenschaftlichen Arbeitsmethoden weisen auch angesichts der schnell wandelnden Fülle heutigen Wissens darauf hin, dass nicht mehr die Wissensinhalte allein, sondern auch die Fähigkeit, diese zu erwerben, also entsprechende Handlungs- und Methodenkompetenz, entscheidende naturwissenschaftliche Bildungsziele sind. Moderne lernpsychologische Erkenntnisse unterstreichen, dass Wissen nicht direkt in den Lernenden hinein abgebildet und dort bleibend adaptiert werden kann, sondern vom Lernenden selbst in das persönliche Wissensnetz durch den Austausch und die Vergewisserung mit anderen Lernenden eingearbeitet und verknüpft werden muss, um fundiert und nachhaltig zur Verfügung zu stehen. In dieser Hinsicht kann das naturwissenschaftliche Arbeiten in der Orientierungsstufe nicht nur wichtige naturwissenschaftliche Methodenkompetenz anbahnen, sondern auch das für andere Fächer wichtige Erlernen selbständigen Arbeitens unterstützen.
4. Naturwissenschaftliches Arbeiten (NWA) in Klasse 10: Erstellen und Präsentieren einer experimentellen Facharbeit Ein wichtiges Ziel eines naturwissenschaftlichen Projektfach in Klasse 10 ist, die Schüler zu befähigen, ein überschaubares Thema mit naturwissenschaftlicher Fragestellung selbst zu erarbeiten und die gewonnenen Erkenntnisse an die Mitschülerinnen und Mitschüler weiterzugeben. Um dieses Ziel zu erreichen, erstellen die Schülerinnen und Schüler in Gruppen eine experimentelle Facharbeit. Ihr besonderer Wert liegt darin, dass das Thema nicht nur medial, sondern auch experimentell aufbereitet wird. Beispiele für Themen einer experimentellen Facharbeit:
Die Vielfalt an Aspekten und Ideen einer gelungenen Facharbeit zeigt folgendes Beispiel:
5. Zeitweise Trennung von Mädchen und Jungen Das Ziel der gleichen Förderung beider Geschlechter ist bis heute nicht erreicht, obwohl Mädchen und Jungen formal in Deutschland die gleiche Bildung genießen. Zwar zeigen alle Statistiken, dass Mädchen mit den Jungen in der Bildungsbeteiligung mittlerweile gleichgezogen und beim Schulerfolg in einzelnen Bereichen die Jungen sogar überflügelt haben. Aber die größere Beteiligung und die besseren Schulleistungen erreichen Mädchen nicht in allen Fächern. Gerade in den zukunftsträchtigen naturwissenschaftlichen Fächern bleiben die Mädchen hinter den Jungen zurück. Die Schule hat darauf lange Zeit nicht reagiert. Erst das Engagement feministischer Fachfrauen aus Schule und Hochschule führte nach und nach dazu, dass die Praxis der Koedukation kritisch hinterfragt wurde (vgl. hierzu Veröffentlichungen von Hannelore Faulstich-Wieland, Dr. Marianne Horstkemper, Lore Hoffmann u.a.). Aus Beobachtungen im Klassenzimmer, Fragebogen-Erhebungen und Interviews wurden im einzelnen folgende Kritikpunkte am herkömmlichen Unterricht zusammengetragen:
Eine weit verbreitete Forderung ist
es deshalb, Mädchen und Jungen zeitweise im Unterricht zu trennen. Dies läßt
sich dadurch erreichen, dass die Mädchen von zwei Parallelklassen in Physik
unterrichtet werden, während die Jungen beider Klassen zeitgleich Chemieunterricht
haben und umgekehrt. Ziel der Trennung ist nicht der Schonraum" für
Mädchen, sondern die gleichberechtigte pädagogische Unterstützung von Mädchen
und Jungen. Empirische Untersuchungen zeigen einen Zusammenhang zwischen geschlechtshomogenen
Unterrichtsgruppen und der Stärkung des weiblichen Selbstbewußtseins in den
Fächern Physik und Chemie. Mädchen zeigen höhere Motivation und bessere Leistungen,
wenn sie unter sich" bleiben und nicht dem Konkurrenzdruck der Jungen
ausgesetzt sind.
6. Schlussbetrachtung Das Forum Realschule: Naturwissenschaften", das 1995 eine Woche lang an der Staatlichen Akademie für Lehrerfortbildung in Donaueschingen stattfand, wurde zum Startpunkt einer gezielten Weiterentwicklung des naturwissenschaftlichen Unterrichts in der Realschule. Die heutige Medienwelt erfordert die Stärkung der Primärerfahrungen und die sich schnell wandelnde Fülle heutigen Wissens führt zu einer Schwerpunktverlagerung weg von den Wissensinhalten der drei Bereiche Biologie, Chemie und Physik hin zum Prozess des Wissenserwerbs und der Vernetzung. Auf diesem Weg haben 10 Erprobungsrealschulen in Baden-Württemberg in den letzten Jahren Erfahrungen gesammelt, die in einer vom Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg im Jahr 2000 herausgegebenen Broschüre Durchblick" veröffentlicht wurden. Teilweise unterstützt von Diskussions- und Arbeitsgruppen auf der Ebene der Oberschulämter und schon angedeutet und angedacht bei verschiedenen Fortbildungsveranstaltungen wie z. B. Naturwissenschaftlichen Tagen im Bereich der Staatlichen Schulämter ist so der Fächerverbund Naturwissenschaftliches Arbeiten (NWA)" entstanden, der im Bildungsplan 2004 für alle Realschulen des Landes Baden-Württemberg realisiert wird. Dadurch wird dann gewährleistet, dass das von Peter Struck schon vor Jahren geforderte moderne" Lernen stattfinden kann: Das Zerhacken der Lebenszusammenhänge in Fächer und 45-Minuten-Takte ist für modernes Lernen unproduktiv. Wenn Schüler das Bio-System eines Teiches oder Flusses erkunden, dann geht es nicht nur um Biologie, sondern auch um ökonomische, soziale, chemische, physikalische, technische, geographische und historische Aspekte, vieles muss mathematisch berechnet und sprachlich dargestellt werden, und auch ästhetische Dimensionen spielen eine Rolle, wenn die Erkundungsergebnisse schließlich dargestellt und der Öffentlichkeit vermittelt werden" (Peter Struck, München 1997, Erziehung von gestern, Schüler von heute, Schule von morgen).
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